Das Lebensgeld / Vitamoney/ Gradido

Der Gradido, Lebensgeld und Vitamoney – An jeden Bürger verteiltes Geld

Im Rahmen dieses Blogs möchte ich auch immer wieder Alternativmodelle vorstellen. Dieses hier war mir noch nicht bekannt, als ich die erste Auflage meines Buches verfasst habe, deshalb an dieser Stelle eine Vorstellung und Bewertung des Modells „Lebensgeld“. Es wurde inzwischen in „Gradido“ umbenannt, das Prinzip ist aber geblieben.

Stellt man vollkommene Gleichheit in den Vordergrund, könnte man natürlich auch eine bestimmte Menge Geld einfach so in gleicher Höhe an jeden Bürger jährlich bezahlen. Dies wäre dem bedingungslosen Grundeinkommen ähnlich, wie es im Kapitel Arbeitsmarkt beschrieben wird (nur dass bei dem dortigen Modell die Geldschöpfung außen vor gelassen wird). Die Höhe der Gelder könnte durch den volkswirtschaftlichen Wertzuwachs bestimmt werden. Jedoch würde dadurch wieder das Prinzip verletzt werden: Geldschöpfung sollte da stattfinden, wo die Wertschöpfung stattfindet. Die Folge wäre wieder das Wachsen von Unerwünschtem. Weitere Nachteile finden Sie im Kapitel Bedingungsloses Grundeinkommen“ im Buch „Goodbye Wahnsinn“..

Ein solches Modell haben Bernd Hückstädt und Margret Baier entworfen, es nennt sich Lebensgeld bzw. Vitamoney. Jeder Bürger würde monatlich 1000 Euro (dort 1000 DANK genannt) aus Geldschöpfung bekommen, der Staat ebenfalls 1000 Euro und ein Ausgleichs- und Umweltfond ebenfalls 1000 neu „gedruckte“ Euro pro Monat. Die gleiche Menge Geld würde monatlich auch wieder vernichtet/ aus dem Kreislauf genommen werden. Wenn Sie sich für mehr Details interessieren, können Sie auf die Internetseite gehen: www.joytopia.net.

 

Bewertung:

Das Lebensgeld verwirklicht eine andere Philosophie des Geldes. Es entstünden keine Schulden mehr, wenn neues Vermögen entsteht, was auch den Prinzipien der Natur enspricht. Es ist durchaus ein interessanter Ansatz, allerdings mit Lücken in wichtigen Bereichen.

Auch bei diesem Modell würden die meisten Nachteile des bedingungslosen Grundeinkommens wirken, allen voran die Verletzung des Gerechtigkeitsprinzips. Man kann nicht ein menschliches Wirtschaftsmodell mit komplexen Wirkmechanismen mit einem Baum in der Natur gleichsetzen. Vor Allem fehlen in der Betrachtung menschliche Motivation, Anreiz, Handlungsmotive. Grob gesagt hat das Konzept nur dann eine Chance, wenn Menschen exakt wie Bäume wären. Wenn sie automatisch die richtigen Früchte tragen würden, wenn man sie nur mit ausreichend Wasser versorgt. Im marktwirtschaftlichen System bekommen Menschen ein Feedback, ihre Arbeit ist gefragt oder nicht. Wenn nicht, muss man darüber nachdenken, wie man also etwas von Wert schafft. Das Prinzip entfällt beim Gradido, man geht davon aus, dass der Wohlstand erhalten bleibt, wenn jeder das macht wozu er Lust hat. Tatsächlich ist das aber in der Realität eben auch, sich nur um eigene Belange zu kümmern oder World of Warcraft zu spielen. In einem Wirtschaftssystem geht es nicht um Arbeit als Solches sondern Geld fließt, wenn wir etwas für Andere tun.

Warum soll sich jemand 8 oder 14h in einem eigenen Cafe die Beine in den Leib stehen, wenn er sowieso jeden Monat 3000 Gradidos bekommt und in einem Jahr sowieso alles weg ist, das er sich erarbeitet hat? Die Schulden für die neue Einrichtung für’s Cafe bleiben aber bei ihm hängen. Also lernt er: investiere nichts, dann hast Du mehr. Es stellt sich die Frage: Wieso soll auch für sinnlose oder selbstsüchtige Tätigkeiten Geld fließen?

Dazu kommen noch andere Herausforderungen: Das neu geschaffene Geld würde die Geldmenge erhöhen. Wenn neue Geldmengen verteilt werden, muss dafür jemand Leistungen ebringen, andernfalls wird das Geld entwertet. Inflation wäre die Folge. Die Autoren wollen zwar die gleiche Geldmenge – 60.000 € jährlich – aus dem Wirtschaftskreislauf nehmen und damit die „Vergänglichkeit“ der Natur nachbilden, doch ist dieser Vorgang nicht mit den Leistungen der Volkswirtschaft verknüpft. In einem Blog erklärt Bernd Hückstädt, dass das Geld monatlich 5% an Wert verlieren soll, was dann empfangenes Geld nach ca. 5 Jahren entwertet. Nach dieser Zeit muss Vermögen dann wieder neu erworben werden. Dies wäre für Rentenvorsorge usw. problematisch. Wenn das Geld zinslos verliehen  wird, dann verliert es jedoch nicht an Wert – diese Option würde die Gesamtgeldmenge dann aber erhöhen, weil die erzeugte Geldmenge höher wäre als die zerstörte – Inflation wäre die Folge.

Beim Gradido bekommt jeder monatlich 3000 Geldeinheiten. Alles Geld verfällt nach 1 Jahr komplett zu Null. Schulden dagegen bleiben erhalten. Warum sollte sich da irgendjemand antun, sich in ein Unternehmen zu investieren, wenn alles was er tut am Ende keinen Unterschied macht?

Der Wertverfall des Geldes hat duchaus Ähnlichkeit mit dem Modell „Umlaufgesichertes Geld“ von Silvio Gesell (1920) und löst das Problem der Geldhortung, hält den Wirtschaftszyklus am Laufen.
Jedoch fehlen Betrachtungen zu internationalem Handel, internationalen Geldgeschäften (Geldanlage in anderen Ländern), Kapital- und Steuerflucht, Währungskursen und Wärungshandel.

Viele Modelle kranken an einer verschobenen Vorstellung von Geld

Die Vorstellung, was Geld ist, wurde durch die heutige Finanzwelt virtualisiert. „Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten“ suggeriert, dass Geld Wertschöpfung erzeugt. Tut es aber nicht. Auch die Abermilliarden, die durch die EZB und FED, zumindest bilanziell, geschaffen werden, geben den Eindruck, dass Geld etwas Beliebiges ist und man nur überall welches verschenken müsste und schon wäre Überfluss da. Das ist aber ein Irrtum.
Der Gegenwert von Geld wird ausschließlich von menschlicher Arbeit und Natur geschaffen. Potenziert durch Produktivitätsmittel, die ausschließlich von Mensch und Natur geschaffen werden.
So ein Einkommen führt dazu, dass der eine Teil der Bevölkerung der arbeitet quasi vom anderen Teil der Bevölkerung dazu versklavt wird, für sie zu arbeiten. Viel sinnvoller wäre es doch, wenn jeder sich einbringt und wenig arbeiten muss als dass einige sich in Burnout arbeiten und andere nichts.

Fazit

Ein interessanter Beitrag, aber es wäre noch vieles zu erdenken und zu klären, bevor daraus ein  wirklichkeitsgerechter Vorschlag würde.

 

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About CU_Mayer

Über den Autor Nach Beginn im kaufmännischen Zweig studierte Dipl.-Ing. (FH) Christoph Ulrich Mayer, geboren 1968 in Krumbach (Schwaben), Nachrichtentechnik. Er arbeitete mehrere Jahre als Ingenieur und Projektleiter, bevor er sich 2001 mit Ingenieur-Dienstleistung, Unternehmensberatung & Coaching selbständig machte. Seit ca. 15 Jahren arbeitet er als Systemischer Coach. In dieser Zeit lernte er die unterschiedlichsten Denkweisen und Wertesysteme, auch anderer Kulturen, kennen und entwickelte somit einen Weitblick für gesellschaftliche Zusammenhänge. Durch die Beratungsarbeit in Unternehmen kennt er zudem viele Hintergründe, die die Wirtschaftsprozesse besser verstehbar machen. In jahrelanger intensiver Arbeit verfasste er das Buch "Goodbye Wahnsinn - vom Kapitulismus und Kommunismus zum menschenGerechten Wirtschaftssystem". Auf unorthodoxe Weise setzt er sich mit Lehren von Adam Smith bis Karl Marx und mit Sichtweisen von Norbert Blüm bis Sarah Wagenknecht auseinander. Sein Anliegen ist, mit seinen Erkenntnissen und Lösungen zu zeigen, dass wir eine bessere - eine nachhaltigere - Zukunft wählen können.

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