Vermögenssteuer – „sozialistische Mottenkiste“ oder sinnvoll?

Derzeit ist es groß in der Presse: Die SPD will eine Vermögenssteuer einführen. Sie soll mit einem Freibetrag sicherstellen, dass nur Millionäre und Milliardäre davon betroffen sind, kein Durchschnittsbürger. Mit 1% Steuer auf Vermögen sollen 10 Milliarden Euro in die öffentliche Kasse kommen.

Die Reaktion der anderen Parteien fällt ziemlich schroff aus: Finanzobmann Hans Michelbach (CDU/CSU) spricht von „Klassenkampf mittels Steuerpolitik“. Die SPD-Forderung sei eine „innergesellschaftliche Kriegserklärung mi dem Ziel, die Gesellschaft zu spalten und Teile der Gesellschaft zu verunglimpfen.“ Der Bayerische Finanzminister Albert Füracker (CSU) betonte gleich, dass es mit der CSU keine Vermögensteuer geben wird [AZ 24./25.8.2019], „denn sie wäre Gift für die Konjunktur und den Wohlstand in Deutschland“ und dass die Partei „ihrem Namen als Steuererhöhungs-Partei Deutschland wieder einmal alle Ehre“ mache. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Michael Theurer wirft der SPD einen „griff in die sozialistische Mottenkiste“ vor. Mit so einer Politik werden seiner Ansicht nach „Personengesellschaften und Familienunternehmen aus dem Land getrieben“, es würden dadurch „Arbeitsplätze gefährdet und unsere Wettbewerbsfähigkeit zerstört“.

Bei so aggressiven und populistischen Aussprüchen der Konkurrenzparteien lohnt es sich, einmal die Fakten anzusehen.

In fast allen anderen Ländern gibt es eine Vermögenssteuer, in den USA werden Steuereinnahmen in Höhe von 3,1% des Bruttoinlandsprodukts aus Vermögenssteuern erzielt, in Frankreich gibt es ab 800.000€ Vermögen eine Staffelung von 0,55 bis 2,4%, auch die Kapitalfluchtländer Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg haben eine Vermögenssteuer [Wikipedia]. In der BRD gab es immer eine Vermögenssteuer, bis sie durch die Regierung SPD/ Schröder 1997 abgeschafft wurde. Damals wurden dadurch rund 9 Mrd. DM in die Staatskasse gebracht.

Zunächst sollten wir noch eine klare Unterscheidung treffen. Es gibt Steuern auf Geldvermögen, auf Sachvermögen und auf Vermögenseinkommen. Die Steuer auf Vermögenseinkommen ist in Deutschland heute die Abgeltungssteuer (inkl. Zinsabschlag, Dividendenbesteuerung). Aus dieser erzielt der Staat jährlich 8 Mrd. Euro Einnahmen [DeStatis], das entspricht rund 1% der Vermögenseinkommen. Eine Versteuerung von Vermögen gibt es nicht, daher beträgt die Steuerlast der „Reichen“ in Deutschland insgesamt gerade einmal 8 Milliarden Euro, plus ein gewisser Anteil an der Konsumsteuer (Mehrwertsteuer). Zum Vergleich: Arbeit wird mit bis zu 47% besteuert und zusätzlich mit Sozialbeiträgen belastet (umfassendere und mit Quellen versehene Betrachtung der Steuern hier). Insofern ist der Aufschrei von wegen Klassenkampf mit Steuerpolitik nur durch eine komplett einseitige Haltung und verschobene Sichtweise der CDU/CSU und FDP zu erklären.

Sinn der Vermögenssteuer

Funktionsfähigkeit der Volkswirtschaft

Der Sinn der Vermögenssteuer ist keineswegs Belastung, noch nicht einmal Gerechtigkeit. Es geht in erster Linie um eine langfristige Funktionsfähigkeit der Volkswirtschaft. Eine immer extremere Vermögensakkumulation führt zur Störung des volkswirtschaftlichen Kreislaufs. Und darüber hinaus zu spürbarem Verlust von Freiheit für einen Großteil der Bevölkerung.

Steuergerechtigkeit

Wie schon erwähnt belaufen sich die real erhobenen Steuern auf Vermögenseinkommen, in 2018 konkret 767 017 Mio. € [deStatis] auf rund 8 Milliarden Euro jährlich, in 2018 konkret 6 893 401€, plus Erbschaftsteuer 2 Mrd. € [Steuerhaushalt 2018 deStatis]. Der Löwenanteil des rund 776 Milliarden schweren Steuerhaushalts (596 Mrd. €) wird von Lohn-/Einkommensteuer und Konsumsteuern finanziert. Rund 10 Mrd. Euro der Einkommenssteuer kommen aus Mieteinnahmen, die nicht Kapitalerträgen zugerechnet werden. Die Körperschaftssteuer (33 Mrd. €) besteuert Unternehmen, also wertschöpfende juristische Personen.

Die Steuerlast geht also zu 99% zu Lasten derer, die Wertschöpfung leisten, zu 1% zu Lasten derer, die Vermögenseinkommen erzielen. Das widerspricht dem Gleichbesteuerungsgrundsatz und dem Gerechtigkeitssinn. Es ist völlig unverständlich, warum Einkommen, die auf einen Beitrag zur Gesellschaft erhoben werden, die Steuerlast tragen sollen. Wer dagegen einfach Rendite aus Geldanlagen zieht leistet dafür nichts, muss aber faktisch weniger als 1% Steuer dafür bezahlen. Ein Wertzuwachs aus Immobilienpreis- oder Aktienkursentwicklungen wird schon grundsätzlich nicht besteuert. Allein letzteres kann nur mittels einer Vermögenssteuer belastet werden.

Mehr dazu in „Steuern verschlimmern die falsche Vermögensverteilung“ hier.

Transparenz

Ein Nebeneffekt der Vermögensteuer ist, dass die Höhe und Entwicklung der Vermögen statistisch sauber erfasst wird. Seit 1997 gibt es deshalb keine Daten des Statistischen Bundesamtes mehr dazu, nur noch Schätzungen, z.B. des DIW. Entsprechend hilft die Vermögenssteuer bei Bewertungen und bildet eine Informationsbasis für politischen Maßnahmen.

Dementsprechend würde eine Vermögenssteuer auch Auslagerungen in Steueroasen transparent machen und eine bessere Handhabe gegen Steuerumgehung bieten.

Problem: Vermögensakkumulation

Vermögen sammelt sich dort an, wo die Einnahmen und Wertzuwächse größer sind als die Ausgaben. Ein Durchschnittsverdiener kann in gewissem Maß Vermögen aufbauen, indem er vom Arbeitseinkommen z.B. 200€ monatlich anspart. Innerhalb von 40 Arbeitsjahren kommen bei diesem Betrag 96.000€ zusammen. Jemand der bereits großes Vermögen besitzt, kann im Regelfall eine viel höhere Differenz erzielen und hat dadurch mehr Vermögenswachstum.

Je größer das Vermögen ist, desto größer fällt auch die Rendite aus. Wer 1 Milliarde besitzt hat selbst bei 1% Verzinsung noch 10 Millionen Zinseinnahmen. Bei Unternehmensanteilen, Wertpapieren, Immobilien ist auch aktuell die Rendite sehr viel höher. Die persönlichen Lebenskosten aber steigen dadurch nicht. Vermögenseinkommen wird daher zu >90% wieder angelegt und dadurch wächst das Vermögen jährlich massiv.

Ein Beispiel: Wer 20 kleine Immobilien besitzt (z.B. ererbt, Durchschnittswert heute 300.000€), erzielt 20 Monatsmieten. Nehmen wir einmal an, dass durchschnittlich 1100€ Miete erzielt wird und die Hälfte davon für Wohnungsbau und Renovierungen abfließt, dann bleibt ein monatliches Einkommen von 11.000€. Ziehen wir 3000€ Ausgaben ab, bleiben 8000€ monatlich übrig. Würde das konstant bleiben, würden sich über 40 Jahre auf diese Weise 3,84 Millionen Euro ansammeln. Real wird der Betrag wegen Mieterhöhungen ständig wachsen. Dieses Geld wird er wahrscheinlich nützen, um weitere Immobilien zu kaufen, In diesem Beispiel könnte er also rund 13 weitere gleichwertige Wohnungen dazu kaufen.

Dazu kommt aber noch eine Wertsteigerung der Immobilien. Der Immobilienpreisindex entwickelte sich z.B. für Bayern von 1978 bis 2018 von 73 zu 198,8, der Wert hat sich also innerhalb von 40 Jahren verdreifacht. Nehmen wir einen heutigen Immobilienwert von 300.000€ pro Stück an, dann hat unser Beispielbesitzer in den vergangenen 40 Jahren einen Wertzuwachs von insgesamt ca. 3,7 Millionen Euro erzielt. Das ergibt also einen Gesamtvermögenszuwachs von bis zu 7,5 Millionen Euro. Hat er das im Verlauf der Jahre getan, hat er heute sogar noch einiges mehr Vermögenszuwachs erzielt. Sprich: sein Vermögen wächst und sein Anteil am volkswirschaftlichen Gesamtvermögen auch. Durch diesen marktbedingten Effekt würde seiner Familie also nach x Jahren die ganze Stadt gehören. Und genau dazu muss es eine Korrektur geben, denn in unserer realen Welt würde das bedeuten, dass immer mehr Menschen nahezu keinen Besitz haben. Für die Korrektur wurde viele Jahrzehnte lang die Erbschaftsteuer und Vermögenssteuer vorgesehen. Doch beide sind unter Beschuss geraten.

Noch ein Beispiel: Wer am 2.1.1990 100.000 BMW Aktien besaß, hatte pro Stück einen Wert von 8,19€, insgesamt 819.000€ Aktienvermögen. Zum 2.1.2019 waren es 70,63€, also 7.063.000€ [Boerse.de]. Ein Vermögenszuwachs von 6,2 Millionen Euro innerhalb von 29 Jahren. Dazu kommen Dividenden in Höhe von insgesamt 30,362€ je Aktie, also 3.036.200€ an geldlichen Ausschüttungen. Abzüglich 3.000€ monatlicher Ausgaben wurden also ca. 2 Millionen Euro Geldvermögen aufgebaut plus 6,2 Mio. Euro Wertzuwachs, also rund 8,2 Millionen Euro Vermögenszuwachs in 29 Jahren – eine Verzehnfachung.

Quelle: Dima Pechurin on Unsplash

Michael Quandt ist BMW-Erbe und hat allein 2012 rund 241 Millionen Euro Dividende und durch den Aktienkurs einen Vermögenszuwachs von mindestens 2,8 Milliarden Euro (ca. 1,7 Millionen Euro pro Stunde) erzielt. Die Familie Quandt/Klatten, die rund 46% an BMW Aktien besitzt, erhielt 2017 eine Dividendenausschüttung von 1,07 Milliarden Euro [Manager-Magazin]. Sie werden garantiert nicht mehr als 1% dieses Geldes für Konsum ausgeben, es geht also in Geldanlagen und profitable Unternehmenskäufe statt in volkswirtschaftlichen Umsatz (Bruttoinlandsprodukt).

Mathematisch führt die wie auch immer geartete Rendite bei großen Vermögen zu großem Vermögenseinkommen und letztlich zu einem exponentiellen Wachstum.

Durch das heutige Finanzsystem wächst also großes Vermögen fast zwangsläufig. Das sei ja aus menschlicher Sicht gegönnt. In einer realen Welt aber bedeutet ausuferndes Vermögen auf der einen Seite immer kleinere Vermögen auf der anderen Seite.

Globale Vermögensverteilung
Global distribution of financial wealth based on the net financial wealth of individuals. Given in terms of wealth groups. Financial wealth excludes illiquid assets such as property.
Quelle: Henry, James, „The Price of Offshore Revisted: New Estimates for Missing Global Private Wealth, Income, Inequality, and Lost Taxes“, Press Release, Tax Justice Network, July 2012, pp 5.

Vermögenseinkommen wachsen grundsätzlich proportional mit den Vermögen. Vermögenseinkommen wird aus Einnahmen von Unternehmen und privaten Kreditzahlungen bezahlt und mindert daher Unternehmenswettbewerbsfähigkeit, Realeinkommen aus Arbeit und Kaufkraft in der Wirtschaft.

Würden nun die Löhne genauso stark wachsen, könnte das System halbwegs stabil bleiben, das tun sie aber nicht. Und so kommt es zu immer mehr Vermögensverschiebungen zu Wenigen und einer sinkenden Kaufkraft in der Realwirtschaft, was wiederum Wirtschaftskrisen hervorbringt, Unternehmensumsätze reduziert und der eigentliche Grund für Arbeitslosigkeit ist.

Korrekturfunktion

Eine Vermögenssteuer hätte nun die Aufgabe, das mathematisch wachsende Vermögen, das bei Geldanlagen ohne jegliche eigene Leistung entsteht, so weit in die Realwirtschaft zurück zu führen, dass der volkswirtschaftliche Kreislauf gut funktioniert. Durch den höheren Anteil von Vermögensteuer am Gesamtsteuervolumen, könnte die Arbeitsteuer und andere Lohnnebenkosten gesenkt werden, was dann die Wettbewerbsfähigkeit landesweit steigern würde. Oder es könnten Zukunftsinvestitionen durch die Gelder initiiert oder gefördert werden, die gleichzeitig z.B. nachhaltige Energiegewinnung hervorbringen und die Wirtschaft in Schwung bringen.

Vermögensverteilung Deutschland
Vermögensverteilung in Deutschland: 40% der Bevölkerung gehört nichts, 1% der Bevölkerung gehören 33% des Vermögens.
Quelle: Wikimedia Delphi234
„Wealth shares of different percentile groups in Germany in 2017. Data from Credit Suisse Global Wealth Databook Table 3-1, 6-5 Page 113, 156“

Herausforderungen

Vermögenserfassung

Das Vermögen von Personen zu bestimmen ist teilweise leicht, z.B. Erfassung von Bankguthaben oder Wertpapieren, teilweise schwierig, z.B. bei Kunstgegenständen in der Wohnung, Schätzung von Immobilien- oder Unternehmenswert oder Geldern in Steueroasen. Die Erfassung erzeugt Verwaltungsaufwand und es muss eine Grenze definiert sein, wo eine Erfassung oder Prüfung zu sehr in die Privatsphäre eingreift.

Gleichbehandlung

Das Bundesverfassungsgericht hat 1995 die damalige Ungleichbehandlung von Vermögensarten in der Vermögenssteuer für rechtswidrig erklärt. Es gab eine unterschiedliche Handhabung für Immobilien und die Rentenvorsorge von Selbstständigen war anders bewertet als die von Arbeitnehmern. Dies macht keine Abschaffung notwendig, weist aber auf ein wichtiges Problem hin:. Es gibt Notwendigkeiten für unterschiedliche Handhabungen, diese müssen aber rechtskonform sein.

Einen Großteil dieses Problems löst man schon durch einen hohen Freibetrag. Wenn ein Freibetrag von 2 Million oder höher angesetzt wird, und an die Inflation angepasst wird, sind Rentenvorsorgen von Normalbürgern schon mal gar nicht betroffen. Auch gewöhnlicher Immobilienbesitz ist dann nicht betroffen.

Steuerflucht

Ein weiteres Argument gegen die Vermögensbesteuerung ist, dass dadurch Vermögen ins Ausland transferiert werden könnte, um die Abgaben zu umgehen. Das Argument greift aber nur, wenn die Steuern im Ausland geringer wären als im Inland. Die Besteuerung von Vermögen und Vermögenseinkommen ist aber im Europäischen Ausland höher, Deutschland gilt geradezu als Steueroase. Das bedeutet, es gibt hier einigen Spielraum, der völlig schadlos genutzt werden kann. Auch kann die Regelung der Besteuerung so gestaltet werden wie in den USA: Wer im Inland Einnahmen erzielt, zahlt auch im Inland Steuern. So eine Regelung wäre sowieso schon lange fällig, um die Steuerumgehugsmodelle von Amazon, Apple & Co, die europaweit jährlich 1 Billion Euro an Steuerausfällen verursachen, endlich abzuschaffen. Auch kann Vermögen in den meisten Fällen nicht einfach ins Ausland gebracht werden. Die Albrecht-Familie kann z.B. ihre Filialen nicht einfach nach Polen verlagern, um hier Steuern zu sparen, denn dort erzielen sie nicht die Umsätze und die Immobilien haben hier ihren Wert, nicht im virtuellen Raum.

Darüber hinaus kann die Regierung jederzeit regeln, ob und wie Geldflüsse oder Wertpapiertransfer in Steueroasen erlaubt sind und wie diese evtl. zu besteuern sind.

Steuerflucht darf daher keine Ausflucht des Gesetzgebers sein. Der Gesetzgeber hat geeignete Regelungen zu treffen und er könnte dies.

Regulierung durch den Staat

Gerne wird auch kritisiert, wenn der Staat regulierend eingreifen will. Aber wer behauptet es sei nicht legitim, dass eine von den Bürgern gewählte Instanz Korrekturen oder Steuerungen vornimmt muss erklären, wie es denn ohne das gehen soll. Damit ein wie auch immer geartetes System funktionieren kann, muss es Regeln geben und die Regeln müssen durchgesetzt werden. Ansonsten könnte jeder Waffen oder krebserregende Lebensmittel verkaufen oder Brandrodungen durchführen usw. Regulierungen als Solches zu verdammen ist unseriös.

Die Frage ist nun: wäre eine Vermögensteuer eine legitime Regulierung? Nun, warum eigentlich nicht? Die Finanzmathematik lässt große Vermögen stark wachsen. Wenn es dazu keinen Ausgleich gibt, bedeutet das in einer realen Welt mit begrenzten Ressourcen den Verlust von Vermögen und Freiheit vieler Anderer. Wenn man das nicht mit Steuern regulieren darf, muss man definieren, wie diese finanztechnische Umverteilung von Arm nach Reich denn sinnvoll geregelt werden kann.

Reichtum Wohlstand
Quelle: Photo by Sharon McCutcheon on Unsplash

Belastung von kleinen und mittleren Unternehmen

Ein in der aktuellen Debatte häufig genanntes Argument ist, dass durch eine Vermögenssteuer kleine und mittlere Betriebe belastet werden würden. „hart arbeitende Leistungsträger, die in Deutschland ohnehin schon stärker belastet werden, als anderswo“ [AZ] wären dadurch betroffen. Und es sei nicht die Zeit für Steuererhöhungen.

Hier darf man nicht den Fehler machen, Vermögen, das reiner Besitz ist, mit einem Unternehmenswert gleichzusetzen, das ein Unternehmer mit eigener Leistung voranbringt, in das er investiert hat und Risiken eingegangen hat. 6 von 7 Unternehmen scheitern in den ersten 3 Jahren und die die es schaffen haben auch einen Gewinn verdient. Würde aus außerordentlichem unternehmerischen Risiko nicht die Chance auf außergewöhnlichen Erfolg entstehen, würde die Unternehmerrolle in der Marktwirtschaft nicht mehr funktionieren. Gerade aber für Unternehmer ist es eine Unverschämtheit, wenn man sie für Pauschalargumentationen gegen Vermögenssteuer missbraucht werden.

Vermögen, das passives Einkommen produziert kann ohne Weiteres besteuert werden. Es ist doch widersinnig, dass jemand, der nichts zur Gesellschaft beiträgt, nicht Teile seines Vermögens aufbrauchen muss um Fremdleistungen zu beziehen, sondern erwarten kann, dass er immer reicher wird.

Produktivvermögen, das unter eigener Leistung vorangebracht wird, sollte bis zu einem hohen Betrag ohne zusätzliche Vermögensbesteuerung bleiben. Hierzu könnten verschiedene Unternehmens-Rechtsformen aus dem Privatvermögen herausgerechnet werden. Allerdings nicht zu beliebigen Beträgen und beliebig lange. Spätestens nach 40 Jahren wird ein Unternehmen im Wesentlichen von seinen Mitarbeitern getragen. Und auch wenn eine Familie, die das Unternehmen besitzt, noch an der Leitung mitwirkt, bedeutet das nicht, dass ihr Vermögen 1,7 Mio. € pro Stunde wachsen muss (siehe oben) und dann auch noch steuerfrei sein soll.

1% Vermögensteuer würde bedeuten, dass Bestands-Vermögen, das nicht durch Rendite oder Wertzuwachs wächst, nach 100 Jahren zu Gemeinschaftseigentum werden würde. 2% würden diesen Zeitraum auf 50 Jahre verkürzen. Da aber fast jede Vermögensart faktisch ständig wächst, würde eine geringe Vermögensteuer lediglich eine Verlangsamung der Vermögenspolarisierung in der Gesellschaft bedeuten.

Alternativen

Vermögenseinkommen besteuern

Historisch wurden ausufernde Vermögen durch hohe Einkommensteuer belastet, in England mit bis zu 98%, in den USA mit bis zu 94% Spitzensteuersatz (diese Sätze nur auf die allerhöchsten Einkommen der Multimillionäre) [hier aufgearbeitet]. Dadurch konnte Geld aus der Finanzwelt in die Realwirtschaft zurückgeführt werden und es konnten niedrige Einkommen entlastet werden. Und wer eine Milliarde pro Jahr einnimmt, hat selbst bei 98% Besteuerung noch 20 Millionen Euro Einkommen.

Gleichbesteuerung

Solche Sätze müssen wir heute nicht diskutieren, wohl aber, dass Einkommensteuer sich im Sinn von Gleichbesteuerungsgrundsatz und Steuergerechtigkeit auch auf Vermögenseinkommen beziehen muss. Prof. Paul Kirchhof hatte dazu schon 2005 einen Vorschlag gemacht, ein radikal vereinfachtes Steuersystem mit geringem Spitzensteuersatz aber Gleichbesteuerung aller Einkommensarten.

Arbeitseinkommen und Gewinne aus Mieteinnahmen werden nach Abzug eines Freibetrags mit Einkommenstür belastet. Warum soll man andere Einkommensarten wie Dividendenausschüttungen demgegenüber bevorzugen?

Lohnerhöhung

Bis in die 1970er Jahre wurde das Problem der Fehlverteilung durch Lohnsteigerungen kompensiert. Die Unternehmensgewinne wurden dadurch mehr zugunsten von Mitarbeitern verteilt. Dadurch wurde der Anteil von Vermögenseinkommen reduziert. Damals allerdings wurde dieses Konzept durch internationale Konkurrenz, v.A. aus Japan, unter Druck gesetzt. Die Senkung der Lohn- und Lohnnebenkosten rückten ins Zentrum der politischen Agenda und v.A. seit dem Mauerfall war Lohnzurückhaltung ein Mittel, die Konkurrenzfähigkeit zu verbessern. Auf Kosten der Binnenwirtschaft und der innerwirtschaftlichen Verteilung. Denn die Unternehmensausschüttungen sind genauso wettbewerbsrelevant, stiegen aber später wieder massiv an. Die Lohnentwicklung wurde zum Problem für den Binnenmarkt und, vor Allem nach Einführung der Gemeinschaftswährung Euro, für unsere Europäischen Nachbarländer.

Andere Finanzmathematik durch Regeländerung

Ein anderer Weg wäre, das Problem am Kern zu lösen. Die großen Vermögen wachsen extrem, weil die Regeln unseres Finanzsystems das so hervorbringen. Diese Regeln sind nicht naturgegeben sondern menschengemacht und anpassbar.

Vergrößerung der Vermögen wären kein Problem, wenn sie nicht nur zugunsten von Einzelpersonen wirken würden sondern zugunsten des allgemeinen Wohlstandes. Die Fehlverteilung wird von Finanzmathematik verursacht, die wiederum durch unser jetziges Finanzsystem vorgegeben ist.

Mit einer einfachen Regeländerung, die aber den Kern des Problems verändert, könnte Vermögen dort wachsen, wo die Wertschöpfung entsteht, in der Breite der Bevölkerung, und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden. Hier kurz erklärt.

Fazit

Es war schon lange Zeit, dass mehr Parteien als nur die Linke das Thema Steuergerechtigkeit aufgreifen und konkrete Lösungen vorschlagen. Der extreme Gegenwind von CDU/CSU, FDP und Presse zeigt, dass noch einiges an Wissen dazu fehlt oder aber Klientelpolitik vorherrscht. Die vorgebrachten Totschlagargumente greifen nicht.

Das implizite Vermögenswachstum durch Spekulation, Grundstücksverknappung und wachsenden Wert von Unternehmen durch erarbeitete Produktivitätsmittel und Marktposition muss im heutigen System entweder durch Vermögensteuer oder Erbschaftsteuer soweit korrigiert werden, dass die Vermögensschere nicht immer weitere Teile der Bevölkerung enteignet (heute besitzen 40% der Bevölkerung kein Vermögen, ein Viertel aller Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor [Zeit.de]).

Mehr Wert entsteht ausschließlich durch Wertschöpfung. Wertschöpfung entsteht ausschließlich durch menschliche Arbeit und Intelligenz, potenziert durch Produktivitätsmittel, die aus menschlicher Arbeit und Intelligenz entstehen. Unser Wirtschaftssystem und die Regeln die dafür aufgestellt werden müssen dafür sorgen, dass die Belohnung auch bei denen ankommt, die das erarbeiten, mindestens so weit, dass jeder ein würdiges Leben erarbeiten kann und einen Anteil an dem Vermögen hat, das jährlich erarbeitet wird.

Wir brauchen mehr Kenntnis der Fakten zu Vermögen in Gesellschaft, Politik und Presse. Und darauf basierend eine vernunftbetonte Debatte zur Besteuerung von Vermögen und Vermögenseinkommen.

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About CU_Mayer

Über den Autor Nach Beginn im kaufmännischen Zweig studierte Dipl.-Ing. (FH) Christoph Ulrich Mayer, geboren 1968 in Krumbach (Schwaben), Nachrichtentechnik. Er arbeitete mehrere Jahre als Ingenieur und Projektleiter, bevor er sich 2001 mit Ingenieur-Dienstleistung, Unternehmensberatung & Coaching selbständig machte. Seit ca. 15 Jahren arbeitet er als Systemischer Coach. In dieser Zeit lernte er die unterschiedlichsten Denkweisen und Wertesysteme, auch anderer Kulturen, kennen und entwickelte somit einen Weitblick für gesellschaftliche Zusammenhänge. Durch die Beratungsarbeit in Unternehmen kennt er zudem viele Hintergründe, die die Wirtschaftsprozesse besser verstehbar machen. In jahrelanger intensiver Arbeit verfasste er das Buch "Goodbye Wahnsinn - vom Kapitulismus und Kommunismus zum menschenGerechten Wirtschaftssystem". Auf unorthodoxe Weise setzt er sich mit Lehren von Adam Smith bis Karl Marx und mit Sichtweisen von Norbert Blüm bis Sarah Wagenknecht auseinander. Sein Anliegen ist, mit seinen Erkenntnissen und Lösungen zu zeigen, dass wir eine bessere - eine nachhaltigere - Zukunft wählen können.

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